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Gemeinwesenarbeit

Gemeinwesenarbeit wurde in Deutschland seit den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts praktiziert. Sie gestaltete vor allem die bis dahin praktizierte Sozialarbeit in den „Sozialen Brennpunkten“ der Großstädte völlig um. Methodisch baute sie auf dem in England praktizierten „aktivierenden Ansatz“ des aus Deutschland emigrierten Richard Hauser auf, der gemeinsam mit seiner Frau Hephzibah in Stadtquartieren, aber auch mit verschiedenen Außenseitergruppen (und darunter auch mit psychisch Erkrankten) methodische Erfahrungen sammeln konnte.

Das von beiden geschriebene Buch „ Die kommende Gesellschaft“ präsentiert neben der Methode „Aktivierende Befragung“ einen kompletten Kursus, durch den Menschen befähigt werden, Anderen eine bessere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Der Kursus richtet sich ausdrücklich nicht nur an Profis, sondern auch an die Klienten selbst. Denn die Autoren halten es für zwingend, dass die Klienten im Zuge ihrer Emanzipation auch die Methoden verstehen, mit deren Unterstützung sie in Bewegung geraten sind. Erst wenn ihre eigene Entwicklung auch rational verstanden werden kann, ist der vorangehende Prozess erfolgreich gewesen.

Die aktivierenden Elemente der sozialarbeiterischen Gespräche ergeben sich aus der Ermunterung der Klienten, ihre gemeinsamen Interessen zum Gegenstand gemeinsamer Aktivitäten zu machen. Die Themen dieser Aktivitäten ergeben sich nicht aus einer Analyse der „objektiven“ Interessenlage der Betroffenen oder aus einer sozialpädagogischen bzw. sozialtherapeutischen Behandlungsplanung, sondern drücken die momentanen subjektiven Wünsche der Klienten aus. Die Erfahrung zeigt, dass sich ein vielschichtiger positiver Entwicklungsprozess ergibt, wenn Menschen die sie subjektiv bedrückenden Lebensumstände aus eigener Kraft verbessern können.

Bei den Aktivierenden Gesprächen vermitteln sich somit nicht die Interessen der Sozialarbeiter mit den Wünschen der Klienten, sondern es bilden sich Themen heraus, die zu Anlässen von gemeinsamen Aktivitäten der Betroffenen werden. Die Rolle der Sozialarbeit beschränkt sich darauf, diesen Prozess zu ermutigen und im sozialen Umfeld weitestgehend abzusichern.

Der mit der aktivierenden Befragung begonnene Prozess ist nicht abgeschlossen, wenn die Klienten die Dynamik, die sie selbst ausgelöst und gestaltet haben, reflektieren können. Es gehört nach den Erfahrungen der beiden Hausers zu den besonderen Effekten dieses Weges, dass die Klienten den Wunsch verspüren, bei Menschen in ähnlicher Lebenssituation aktivierend tätig zu werden.

Hansgeorg Liessem